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30.5.2008

Heißes Thema in Poing: das Geothermieprojekt der E.ON nimmt Formen an

Momentan wird in der Nähe des Poinger Kreisels beim Ortsausgang West Tag und Nacht gebohrt. Der Energieversorger E.ON bringt ein Bohrloch mit einer Tiefe bis zu 3km nieder, um heißes Tiefenwasser zur Energiegewinnung zu fördern.
Das Energieforum Poing hat genauer nachgefragt was es mit der Geothermie in Poing auf sich hat. Herr Wagner, Leiter Anlagenbetrieb bei E.ON Bayern, hat sich freundlicherweise als Interviewpartner zur Verfügung gestellt.

Wir bedanken uns für die umfangreichen Antworten und wünschen der E.ON viel Erfolg bei der Bohrung!

Zum Interview


Geothermie Baustelle der E.ON in Poing: der Bohrturm während der Nachtschicht. (Foto: Niedermeier)


Interview zum Thema Geothermie in Poing
Fragen: A. Niedermeier, Energieforum Poing
Antworten: A. Wagner, E.ON Bayern, Leiter Anlagenbetrieb

1. "Geothermie" als Energiequelle in Poing, was kann man sich darunter vorstellen?

Die Nutzung der Erdwärme d. h. die Förderung von heißem Thermalwasser aus ca. 3.000 m Tiefe.

2. Wie sieht denn der Terminplan bzgl. Geothermie aus?

Bohrplatzbau Th 2 in Poing seit Ende März 2008
Bohrung Th 2 ab Mitte Juni 2008
Bohrplatz- bau Th 1 in Pliening ab Juli 2008
Bohrung Th 1 ab September 2008
Errichtung der Geothermietechnik ab Anfang 2009
Wärmelieferung ab Heizperiode 2009/2010

3. Es muss also gebohrt werden. Wo soll denn die Bohrung niedergebracht werden?

Die geplante Förderbohrung wird in der Nähe des Verkehrskreisels Senator-Gerauer-Straße in Poing (schräg gegenüber der Tankstelle an der Bahntrasse Anmerkung der Redaktion) und die Verpressbohrung zwischen Poing und Pliening in der Nähe des Ottersberger Wegs errichtet.

4. Ist in Zusammenhang mit der Bohrung mit Lärmbelästigung zu rechnen?

Bei Geothermiebohrungen entsteht in Folge sämtlicher erforderlicher Antriebe u. Aggregate (Bohrgestänge, Spülungspumpen, Generatoren etc.) auf dem Bohrgelände rund um die Uhr immer ein gewisser Geräuschpegel, der jedoch unter dem zulässigen Schallpegel liegt. Die eigentlichen Bohrarbeiten dauern je Bohrung voraussichtlich ca. 3 Monate.

5. Kann es bei der Bohrung zu Umweltschäden kommen, z.B. durch unkontrolliert austretende Schlammmassen, Gase Radioaktivität o.ä.?

In aller Regel nein. Theoretisch könnte Erdgas angetroffen werden, das dann kontrolliert über die Sicherheitseinrichtungen (Preventer, Fackel usw.) abgeführt wird.

6. Eine solche Bohrung bis in 3 km Tiefe ist mit Sicherheit teuer, wer leistet diese Investition?

Pro Bohrung belaufen sich die Investitionen auf mind. 6 Mio. €; diese werden durch die E.ON Bayern Wärme GmbH getätigt.

7. Wie heiß wird das geförderte Wasser sein? Wie wird es gefördert?

Wir rechnen mit einer voraussichtlichen Thermalwassertemperatur von ca. 85 °C am Brunnenkopf. Die Förderung des Wassers erfolgt über eine Spezialunterwasserpumpe im Bohrloch.

8. Ist mit Pumpgeräuschen oder Vibrationen zu rechnen, die sich evtl. als störender tiefrequenter Schall in W3/W4 usw. bemerkbar machen?

Nein, die Pumpe ist einige hundert Meter im Bohrloch abgesenkt.

9. Wie wird denn die Energie vom Bohrloch zu den einzelnen Verbrauchern gebracht?

Die Wärmeenergie wird über Wärmetauscher in das bestehende FW-Netz eingekoppelt. D.h. es gibt zwischen den beiden Bohrungen und dem bestehenden BHKW in der Gruberstraße eine Thermalwasserverbindungsleitung.

10. Das abgekühlte Wasser muss zurückgeführt werden. Wo wird das sein?

Die Verpressbohrung liegt voraussichtlich zwischen Poing und Pliening, etwa in der Höhe Griesfeldstraße/Ottersberger Weg.

11. EON ist also der alleinige Risikoträger bzw. Investor. Ist es nicht problematisch, diese zukunftweisende Energiequelle einem einzigen Großkonzern in die Hand zu geben? Man denke beispielsweise an die künftige Preisgestaltung...

Nein, denn es gibt bestehende FW-Verträge, an die die E.ON Bayern Wärme GmbH gebunden ist. Die Preisgleitformeln wurden in der Vergangenheit vielfach nicht zu 100 % ausgeschöpft. Es erfolgte eine Preissenkung im Rahmen des Bioerdgas-BHKW-Moduls. Die FW-Preise in Poing werden sich im Vergleich zum Ölpreis moderater entwickeln. Die E.ON AG und ihre Tochtergesellschaften engagieren sich vehement für regenerative Energien und werden hierfür bis zum Jahr 2010 Investitionen von 6 Mrd € tätigen. Kaum ein anderes Unternehmen in Europa investiert so intensiv in diesen Bereich. Gleichwohl hat man dabei immer die Preisentwicklung im Auge. So forscht z.B. das E.ON Energy Research Center an innovativen Lösungen für eine umweltgerechte, sichere und preisgünstige Energieversorgung der Zukunft.

12. Sind schon Einzelheiten zum Tarifmodell bekannt?

Nein, noch nicht konkret. Der Geothermieanteil wird im zukünftigen Preismodell entsprechend Niederschlag finden. Genaueres lässt sich erst nach Feststellen der Fündigkeit beider Bohrungen ableiten.

13. Die Nutzer der Fernwärme werden also an die Geothermie angeschlossen. Sind da Kosten für die Nutzer zu erwarten? Ändert sich das Tarifmodell der bisherigen Fernwärmenutzer?

Nein, es gibt keine weiteren einmaligen Kosten an die bestehenden Kunden. Das FW-Preis-Modell wird nach Wirksamwerden der geothermischen Energienutzung bzgl. seiner preisgestaltenden Elemente angepasst werden.

14. Wie lassen sich die laufenden Kosten für den Verbraucher im Vergleich zu fossilen Energieträgern abschätzen?

Die laufenden Kosten werden voraussichtlich nicht so starken Schwankungen unterworfen sein. Die geothermische Wärme ist aber stärker vom Strompreis abhängig (Pumpstrom).

15. Kann EON die geförderte Energie auch an Dritte (z.B. Nachbargemeinden) verkaufen (und die Poinger gehen leer aus...)?

Die Poinger gehen nicht leer aus. Es ist geplant, dass das FW-Netz in Poing deutlich ausgebaut werden soll. Im Zusammenhang mit dem Netzausbau kann das Netz – sofern dies wirtschaftlich ist – über die Gemeindegrenzen ggf. ausgedehnt werden.

16. Fallen die Nutzungsrechte irgendwann an die Gemeinde zurück, oder verbleiben diese für immer bei EON?

Nein. Aufsuchungserlaubnisinhaber und späterer Bewilligungsberechtigter zur Entnahme des Thermalwassers ist die E.ON Bayern Wärme GmbH. Eine etwaige Kooperation mit der Gemeinde wird derzeit diskutiert.

17. Gibt es vergleichbare Projekte in der Region?
Im Münchner-Raum gibt es etliche weitere geothermische Wärmeprojekte wie z.B. in Unterschleißheim, Pullach und München-Riem.

18. Gibt es dort Erfahrungen mit den Kosten für den Endverbraucher?

Ja, aber jedes Geothermieprojekt ist bzgl. der Randbedingungen anders. D.h. die Preisentwicklung ist teilweise sehr projektspezifisch.

19. Sollen die neuen Wohngebiete W5/W6 bereits mit Geothermie versorgt werden?

Ja, dies wäre wünschenswert. Je mehr Wärmeabnahme, desto günstigere Preise.

20. Wie hoch ist der verbleibende CO2-Ausstoß im Vergleich zu anderen Energiequellen wie z.B. Erdgas?

Der CO2-Ausstoß der Geothermie ist eigentlich Null. Es fällt jedoch CO2 für die Spitzenlastwärmedeckung über die Gaskessel an.

21. Wie ausfallsicher ist denn die Energiequelle, kann es zu länger andauernden Versorgungsausfällen kommen, oder gar zu einem Versiegen der Energiequelle?

Die Geothermie ist eine Grundlastversorgung, d.h. es wird mit einer Verfügbarkeit von über 50 Jahren gerechnet. Länger andauernde Versorgungsausfälle sollte es möglichst nicht geben – die Revisionsarbeiten werden in den Sommermonaten ausgeführt. Für den Fall, dass die geothermische Wärme nicht gefördert werden kann, ist die Wärmeerzeugung über Gas-/Ölkessel besichert.

22. Wenn andere Gemeinden im Umland diese Energiequelle ebenfalls nutzen werden, besteht die Möglichkeit, dass die Heißwasser-Temperatur rapide abfällt?

Das sollte nicht der Fall sein. Aufgrund des Abstands der Erlaubnisfelder und der Lage der Bohrungen in Bezug auf die geologischen Störungen sollte es zu keinen nennenswerten Wechselwirkungen kommen.

23. Wie viele Bürger können in etwa mit dieser Energiequelle versorgt werden?

Rein energetisch gesehen könnte der Großteil der Gemeinde Poing mit der Geothermie versorgt werden.



© 2008 Energieforum Poing, das Interview darf weder als Ganzes noch in Teilen anderweitig abgedruckt, vervielfältigt oder verwendet werden.


2.6.2008

Geothermie in Unterhaching

Artikel in Spiegel Online: hier lesen



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